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Welche Arbeit leisten Hunde in diesem Land?


Von Joel Spolsky
Aus dem Englischen von Hartmut Ludwig
Redigiert von John L. Webber
5. Mai 2001

Wie naiv waren wir?

Wir hatten wirklich geglaubt, dass Bezos die Gewinne immer nur reinvestierte und dass deshalb unterm Strich nie etwas übrig blieb.

Letztes Jahr um diese Zeit tauchten die ersten großen dot.com-Pleiten in den Nachrichten auf. Boo.com. Toysmart.com. Die Mentalität schnell groß zu werden funktionierte nicht. Fünfhundert 31-jährige in Dockers entdeckten, dass es noch kein Geschäftsplan ist, einfach nur Jeff Bezos zu kopieren.

Die letzten paar Wochen war es sonderbar still bei Fog Creek. Wir waren dabei, die Arbeit an CityDesk abzuschließen. Ich würde Ihnen ja gerne alles über CityDesk berichten, aber das muss warten. Ich will Ihnen zuerst etwas zum Thema Hundefutter erzählen.

Hundefutter?

Vergangenen Monat hat uns Sara Corbett über die verlorenen Jungen erzählt, sudanesische Flüchtlinge zwischen acht und achtzehn Jahren, die von ihren Familien getrennt wurden und gezwungen waren tausende von Meilen zu laufen. Vom Sudan nach Äthiopien, zurück in den Sudan und nach Kenia. Die Hälfte starb auf dem Marsch an Hunger, Durst oder Alligatoren. Ein paar von ihnen wurden gerettet und mitten im Winter an Orte wie Fargo in North Dakota verbracht. "Gibt es in diesen Büschen Löwen?" fragte einer während der Autofahrt vom Flughafen in sein neues Zuhause.

Peter berührte meine Schulter. Er hielt eine Dose Purina Hundefutter in der Hand. "Entschuldigung, Sara, aber könntest du mir sagen, was das ist?" Hinter ihm war das Tierfutter quasi vom Boden bis zur Decke aufgestapelt. "Ehmm, das ist Fressen für unsere Hunde," antwortete ich, etwas peinlich berührt von der Vorstellung, wie dies für jemanden klingen mag, der die letzten acht Jahre nur Brei zu essen bekam. "Ah, ich verstehe," sagte Peter. Offensichtlich zufrieden mit der Antwort stellte er die Dose zurück in das Regal und schob seinen Einkaufswagen einige Schritte weiter. Dann drehte er sich wieder um, schaute mich an und fragte spöttisch, "Sag mal, welche Arbeit leisten Hunde in diesem Land?" [New York Times Magazine, 1. April 2001]

Hunde. Ja, Peter. Fargo hat genügend Lebensmittel. Sogar für Hunde.

Es war ein deprimierendes Jahr.

Oh, dabei fing es noch so amüsant an, wir sind alle in B2B und B2C und P2P eingestiegen, wie eine glückliche Familie, die Sonntags in den Kombi für eine Spazierfahrt zum "Krispy Kreme" Donut-Laden einsteigt. Moment, das ist noch nicht mal der amüsante Teil. Amüsant war es zu beobachten, wie die schlechtesten Geschäftsideen versagten, als ihr Aktienkurs von 316 auf 3/16 fiel. Volltreffer, ihr New-Economy-Schwätzer! Oh welch eine Schadenfreude. Und welch ein Entzücken war es, als das Wired Magazin mal wieder bewies, dass was immer sie auch auf ihre Titelseite setzt sich innerhalb weniger Monate als dumm und falsch erweisen wird.

 
Ooh, tut mir leid, hast Du den Wired Index gekauft?

Und mit dieser New Economy Sache hat sich Wired wirklich selbst übertroffen. Dabei hätten sie längst wissen müssen, welch einen Todesstoss es für jede Technologie, Firma oder Meme bedeutet, auf deren Titelblatt aufzutauchen, nachdem sie jahrelang für smell-o-rama und zum Untergang verurteilte Spielehersteller geworben hatten und uns erzählen wollten, dass PointCast das Web ablösen wird nein - warte, PointCast hat schon das Web abgelöst, im März 1997. Jedenfalls - sie forderten das Schicksal heraus und setzten die New Economy nicht nur auf die Titelseite, nein sie widmeten die ganze verdammte Ausgabe der New Economy und damit war die NASDAQ zum Absturz verurteilt, wie ein Schaf das fliegen lernt.

Goats

Aber die Freude am Mißgeschick anderer kann uns ja nur vorübergehend unterhalten. Nun wird es einfach deprimierend. Ich weiß zwar, dass die Wirtschaft nicht offiziell in einer Depression ist, aber ich bin deprimiert, nicht weil so viele dumme Startups verschwunden sind, sondern weil der Zeitgeist deprimierend ist. Und nun müssen wir Hundefutter essen, anstatt Kispy Kremes.

Und genau das war es, was wir gemacht haben, denn das Leben geht weiter. Auch wenn sonst jeder herumläuft, den Kopf hängen läßt und trauert über die vergeudeten Stunden, über die ruinierte Gesundheit und das ruinierte Liebesleben und all das nur zum Wohle der Aktienoptionen für SockPuppet.com - das Leben geht weiter. Und der Produktentwicklungszyklus muss weitergehen, und wir bei Fog Creek nähern uns langsam dem Teil unseres Produktentwicklungszyklus, wo man das eigene Hundefutter essen muss. Also wurden wir für eine Zeit lang zu Dog Creek Software.

Das "eigene Hundefutter essen" ist die bildhafte Umschreibung, die wir in der Computerindustrie für die konkrete Benutzung des eigenen Produktes verwenden. Ich hatte vergessen, wie gut diese Methode funktioniert, bis ich vor einem Monat (in der Überzeugung, ungefähr 3 Wochen vor der Auslieferung zu stehen) eine Version von CityDesk mit nach Hause nahm und probierte, eine Website damit zu entwickeln.

Pfui! Es gab einige Bugs, die es von vornherein unmöglich machten, fortzufahren. Die musste ich erst einmal beseitigen, um überhaupt weiter arbeiten zu können. All die Tests, die wir durchgeführt hatten, in denen wir akribisch jedes einzelne Menü durchklickten, um zu sehen, ob es richtig funktioniert, konnten die eigentlichen "Showstopper" nicht aufdecken, die eine sinnvolle Verwendung des Produktes unmöglich machten. Aber als ich versuchte, das Produkt so einzusetzen, wie es auch ein Kunde tun würde, fand ich diese "Showstopper" in einer Minute.

Und nicht nur das. Während meiner Arbeit reizte ich noch nicht einmal alle Features aus, sondern versuchte lediglich eine einfache Seite zu entwickeln. Und dennoch fand ich nicht weniger als 45 Fehler an einem Sonntagnachmittag. Und ich bin ein fauler Typ, ich würde nie mehr als zwei Stunden mit so etwas verbringen. Ich hab' nicht mal versucht etwas anderes als die ganz grundlegenden Funktionen des Produktes auszunutzen.

Am Montag morgen, als ich im Büro ankam, versammelte ich das Team in der Küche. Ich erzählte ihnen von den 45 Bugs. (Der Fairness halber muss ich zugeben, dass einige Bugs keine echten Fehler waren, es waren vielmehr Dinge, die nicht so bequem funktionierten, wie es eigentlich sein sollte). Dann schlug ich vor, dass jeder zumindest eine Seite ernsthaft mit CityDesk entwickeln sollte, um die ganzen Bugs ans Licht zu bringen. Das ist der Sinn daran, "das eigene Hundefutter zu essen".

Hier ist ein Beispiel auf welche Art von Problemen man dabei stößt.

Ich rechne damit, dass eine Menge Leute versuchen wird, existierende Webseiten in CityDesk zu importieren, indem sie einfach den HTML-Code kopieren und einfügen. Das funktioniert auch. Aber als ich versuchte eine echte Seite von der New York Times einzufügen, verbrachte ich einen ganzen Tag damit, all die Bildverknüpfungen (die auf externe Dateien verwiesen) zu finden, die betreffenden Bilder aus dem Web herunterzuladen, sie in CityDesk einzubinden und die Referenzen anzupassen, damit sie sich auf die internen Bilder beziehen. Es ist schwer zu glauben, aber ein Artikel auf dieser Webseite enthält ungefähr 65 Bildverknüpfungen, die auf 35 verschiedene Bilder verweisen, von denen einige ein Pixel große Abstandhalter sind, die verdammt schwer mit einem Webbrowser herunterzuladen sind. Und CityDesk hat die lustige Eigenart, den Namen von importierten Bildern intern in eine kanonische Zahl umzuändern, und es bietet keine Möglichkeit, herauszufinden, welche Zahl das ist. Also um es kurz zu machen: es kostete mich einen kompletten Tag, diese Seite in CityDesk zu importieren.

Das wurde mir etwas zu frustrierend, daher ging ich in den Garten um für eine Weile Unkraut zu jäten. (Ich weiss echt nicht was wir noch tun könnten um Stress abzubauen, wenn dort einmal alles aufgeräumt ist. Gott sei Dank können wir uns noch keinen Gärtner leisten). Und dabei kam mir die Idee. Hey, ich bin Programmierer! In der Zeit, die es mich gekostet hat, eine Seite zu importieren und die Bilder anzupassen, hätte ich eine Funktion schreiben können, die das für mich automatisch erledigt! Genau genommen, hätte es mich womöglich sogar weniger Zeit gekostet, das Programm zu schreiben. Nun dauert es ungefähr eine halbe Minute statt einen ganzen Tag, um eine Seite zu importieren, und es ist im Grunde fehlerfrei.

Wow.

Deswegen muss man sein eigenes Hundefutter essen.

Als dann Michael selbst ein paar Websites importierte, fand er über 10 Fehler, die ich versehentlich eingebaut hatte. Zum Beispiel stellten wir fest, dass es Webseiten gibt, die komplizierte Namen für Bilder verwenden, die beim Import nicht in Dateinamen umgewandelt werden können, weil sie Fragezeichen enthalten. Die sind zwar in URLs erlaubt, aber nicht in Dateinamen.

Manchmal lädt man eine Software herunter und kann nicht glauben, wie schlecht sie ist, oder dass es so schwer fällt, damit die allereinfachsten Sachen zu bewerkstelligen. Womöglich liegt das daran, dass die Entwickler dieser Software sie selbst nicht verwenden.

Ich habe sogar ein noch unterhaltsameres Beispiel dafür, wie man daran scheitern kann, wenn man das eigene Hundefutter nicht isst. Raten Sie mal, welches e-mail Produkt intern bei Juno Online Services eingesetzt wurde? [Falls Sie sich eben erst zugeschaltet haben, ich habe mal für einige Jahre im Entwicklungsteam der Client-Software bei Juno gearbeitet].

Hmm, haben sie auf Juno getippt? Weil es nun mal, emm - unser Produkt war?

Nein. Ein paar Leute, darunter der Vorstand verwendeten Juno zu Hause. Die anderen 175 von uns benutzten Microsoft Outlook.

Und zwar aus gutem Grund! Der Juno Client war einfach nicht so ein tolles Mailprogramm; zwei Jahre lang war das einzige woran wir arbeiteten einen besseren Weg zu finden, Werbung einzublenden. Viele von uns dachten dass wir wenn wir nur selbst das Programm benutzen würden, es einfach besser machen müßten und sei es auch nur um unsere eigene Qual damit zu lindern. Der Vorstand bestand total darauf, dass wir Popup-Werbung zu sechs verschiedenen Zeitpunkten einblenden, bis er nach Hause kam und sechs Werbefenster aufpoppen sah. Dann sagte er "Wißt ihr was? Vielleicht nehmen wir doch nur zwei Popups".

AOL bekamen neue Mitglieder mit einer unglaublichen Zuwachsrate und das liegt zum Teil daran, dass sie eine bessere Anwender-Erfahrung vermitteln konnten als Juno, und wir konnten das nicht verstehen, weil wir unser eigenes Hundefutter nicht gefressen haben. Und wir haben es deshalb nicht gefressen, weil es ekelhaft war. Und das Management funktionierte schlecht genug, um uns noch nicht einmal die Erlaubnis zu geben, das so weit in Ordnung zu bringen, dass es genießbar wird.

Egal. CityDesk sieht jedenfalls jetzt schon viel besser aus. Wir haben all die Fehler bereinigt, noch ein paar weitere gefunden und die auch beseitigt. Wir fügen weitere Funktionen hinzu, die wir zuvor vergessen hatten, die aber offensichtlich notwendig waren. Und wir sind der Marktreife ein gutes Stück näher gekommen! Hurra! Und dankenswerterweise müssen wir nicht länger gegen 37 andere Firmen kämpfen, von denen jede mit 25 Millionen Dollar Risikokapital ausgestattet ist und die gegen uns antreten, indem sie ihr Produkt an jeden kostenlos abgeben, der sich im Gegenzug ein riesiges Werbebanner auf die Stirn tätowieren läßt. In der Post-New-Economy Zeit versucht man eher herauszufinden, wie viel man wirklich gegen Geld absetzen kann. Und es ist nichts falsch an dieser Post-New-Economy Epoche, wenn man klug ist. Diese endlosen Berichte über das "dot-Koma" sagen eigentlich eher etwas über den Mangel an Kreativität in der Wirschaftspresse aus, als über sonst irgendetwas. Sorry, fuckedcompany.com, es war für etwa einen Monat ganz lustig, aber jetzt ist es nur noch pathetisch. Wir werden uns darauf konzentrieren, unser Produkt zu verbessern, und wir werden uns darauf konzentrieren, im Geschäft zu bleiben, indem wir auf unsere Kunden hören und unser eigenes Hundefutter essen, anstatt kreuz und quer durchs Land zu fliegen und zu versuchen an mehr Risiko-Kapital zu kommen.



Titel der Originalausgabe: What is the Work of Dogs in this Country?  

Joel Spolsky ist der Gründer von Fog Creek Software, einer kleinen Software Firma in New York City. Nachdem er auf der Yale University graduierte arbeitete er als Programmierer und Manager bei Microsoft, Viacom und Juno.


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