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Strategie-Papier I: Ben und Jerry's gegen Amazon


Von Joel Spolsky
Aus dem Englischen von Hartmut Ludwig
Redigiert von John L. Webber
12. Mai 2000

Eine Firma aufbauen? Dafür haben Sie zunächst eine sehr wichtige Entscheidung zu treffen, denn die wirkt sich auf alles andere aus, was Sie tun. Egal was Sie weiter vorhaben, Sie müssen auf jeden Fall zunächst einmal herausfinden, zu welchem Lager Sie gehören, um alles weitere darauf abstimmen zu können. Ansonsten werden Ihre Bemühungen in einer Katastrophe enden.

Welche Entscheidung? Es geht darum, ob Sie langsam, organisch und profitabel wachsen, oder ob Sie auf einen Schlag mit hohen Wachstumsraten und immensem Kapitalaufwand groß werden.

Das organische Modell bedeutet, dass Sie klein und mit überschaubaren Zielen anfangen und dann das Geschäft langsam über einen langen Zeitraum aufbauen. Ich nenne dies das Ben und Jerry's Modell, denn diese Firma passt ziemlich genau dazu.

Das andere Modell, das üblicherweise "Get Big Fast" (oder auch "Land gewinnen") genannt wird, bedeutet, dass Sie viel Kapital auftreiben und so schnell wie möglich arbeiten müssen, um rasch zu wachsen, ohne sich viele Sorgen um die Profitabilität zu machen. Ich nenne dies das Amazon Modell, denn Jeff Bezos, der Gründer von Amazon wurde quasi zum Vorzeige-Unternehmer der "Get Big Fast"-Methode gemacht.

Lassen Sie uns die Unterschiede zwischen diesen Modellen genauer betrachten. Die erste Frage, die wir uns stellen lautet: "stehen Sie mit Ihrer Geschäftsidee im Wettbewerb mit anderen oder nicht?"

Ben und Jerry's Amazon
Jede Menge etablierte Mitbewerber Eine neue Technologie und zunächst kein Wettbewerb

Falls Sie keine wirklichen Mitbewerber haben, wie Amazon, besteht eine gute Chance, beim "Land gewinnen" erfolgreich zu sein. Das bedeutet, dass Sie so schnell wie möglich so viele Kunden wie möglich bekommen, so dass es spätere Mitbewerber schwer haben werden, in den Markt zu kommen. Falls Sie aber in eine Branche einsteigen, in der es bereits einen breiten Wettbewerb gibt, macht die "Land gewinnen"-Methode keinen Sinn. In diesem Fall müssen Sie Ihren Kundenstamm dadurch gewinnen, dass Sie die Kunden dazu bringen, von einem Ihrer Mitbewerber zu Ihnen zu wechseln. 

Für gewöhnlich sind Risikokapitalgeber nicht allzu begeistert davon in einen Markt vorzudringen, in dem es bereits von nervigen Mitbewerbern wimmelt. Ich persönlich scheue den Wettbewerb mit etablierten Konkurrenten nicht so sehr. Vielleicht liegt das daran, dass ich gerade in der Zeit an Microsoft Excel mitgearbeitet habe, als dieses Programm komplett Lotus 1-2-3 überholt hat, obwohl die zuvor eigentlich den gesamten Markt für sich alleine hatten. Die führende Textverarbeitung Word hat WordPerfect verdrängt, das wiederum zuvor WordStar verdrängt hatte, und alle hatten jeweils zu ihrer Zeit fast ein Monopol in diesem Segment. Und Ben und Jerry's sind zu einem sagenhaften Unternehmen herangewachsen, obwohl man nicht behaupten kann, es hätte nirgendwo Eiscreme gegeben, bevor sie kamen. Es ist also nicht unmöglich einen Mitbewerber zu verdrängen, falls es das ist, was Sie vorhaben. (In einem künftigen Strategie-Papier werde ich erläutern, wie das geht).

Eine weitere wichtige Rolle für die Verdrängung von Wettbewerbern spielen Netzwerk-Effekte und Kundenbindung:

Ben und Jerry's Amazon
Kein Netzwerk-Effekt, schwache Kundenbindung Starker Netzwerk-Effekt und starke Kundenbindung

Ein "Netzwerk-Effekt" ist eine Situation, in der man umso mehr Kunden hinzugewinnt, je mehr man bereits hat. Gemäß dem Metcalfeschen Gesetz entspricht der Wert eines Netzwerkes der Anzahl der Teilnehmer zum Quadrat.

Ein gutes Beispiel ist eBay. Wenn du deine alte Patek Philippe Uhr verscherbeln willst, wirst du einen besseren Preis bei eBay erreichen, weil es dort mehr Käufer gibt. Wenn du eine Patek Philippe Uhr kaufen willst, dann wirst du ebenfalls bei eBay suchen, denn dort gibt es die meisten Anbieter.

Einen weiteren sehr starken Netzwerk-Effekt bieten proprietäre Chat-Systeme wie ICQ oder der AOL Instant Messenger. Wenn ich mit Leuten chatten will, muss ich dorthin gehen, wo sie zu finden sind und ICQ und AOL haben mit Abstand die meisten Teilnehmer. Es ist also wahrscheinlich, dass meine Freunde auch einen dieser Dienste nutzen und nicht einen der kleineren, wie den MSN Instant Messenger. Microsoft hat es trotz Muskelspiel, Geld und Vermarktungsgeschick nicht geschafft, in den Bereich der Auktionen und des Instant Messaging vorzudringen, weil die Netzwerk-Effekte dort einfach zu stark sind.

Kundenbindung findet dort statt, wo ein Unternehmen etwas zu bieten hat was die Leute davon abhält, zu einem anderen Anbieter zu wechseln. Niemand möchte gerne seinen Internet-Provider wechseln, selbst wenn dort der Service nicht besonders gut sein sollte. Das liegt allein an der Mühe, die eine Änderung der Mailadresse bedeuten würde, weil man die neue Adresse ja jedermann mitteilen muss. Zu einem anderen Textverarbeitungsprogramm will auch niemand wechseln, wenn nicht sicher gestellt ist, dass das neue Programm auch die alten Dateien lesen kann.

Noch besser als die normale Kundenbindung ist die hinterhältige Variante davon, die ich "versteckte Kundenbindung" nenne. Damit sind jene Dienstleistungen gemeint, an die man sich gewöhnt hat, ohne das überhaupt zu realisieren. Zum Beispiel solche neuen Services wie PayMyBills.com, die all Ihre Rechnungen für Sie entgegennehmen, einscannen und Ihnen im Internet anzeigen. Solche Dienstleistungen sind üblicherweise für drei Monate kostenlos. Aber wenn die drei Monate um sind und Sie diesen Service nicht weiter nutzen möchten, haben Sie keine andere Wahl, als jeden einzelnen Rechnungsteller darüber zu informieren, dass die Rechnungen wieder zu Ihnen nach Hause geschickt werden sollen. Der Gedanke an diese Fronarbeit wird Sie mit Sicherheit davon abhalten PayMyBills.com zu kündigen - da nehmen Sie eher in Kauf, dass die monatlich $ 8,95 von Ihrem Konto abstauben. Volltreffer!

Wenn das Unternehmen, das Sie aufbauen wollen, solche Netzwerk-Effekte und eine hohe Kundenbindung mit sich bringt und sich in diesem Bereich bislang noch keine Mitbewerber etabliert haben, dann sollten Sie unbedingt dem Amazon-Modell den Vorrang geben, sonst tut es jemand anders und Sie werden dort keinen Fuß mehr auf den Boden bekommen.

Ein kleines Fallbeispiel: 1998 hatte AOL ein immenses Wachstum mit einer Zuwachsrate von einer Million Neukunden alle fünf Wochen. AOL bietet nette Features wie Chaträume und Instant Messaging an, die zu einer versteckten Kundenbindung führen. Wenn man dort erst mal eine Gruppe von Freunden gefunden hat, mit denen man gerne chattet, wird man sicherlich nicht den Internet-Provider wechseln. Das hieße man müsste sich einen komplett neuen Freundeskreis aufbauen. Meiner Meinung nach ist dies der Hauptgrund, warum AOL rund 22 $ im Monat berechnen kann, obwohl es genügend andere Internet-Zugänge für 10 $ im Monat gibt.

Während ich bei Juno arbeitete, hat das Management diesen Punkt einfach nicht erkannt. Dadurch haben sie ihre beste Chance verpasst, AOL bei der "Landgewinnung", in der Zeit als jeder online gehen wollte, zu überholen. Sie haben nicht stark genug in die Neukundengewinnung investiert, weil sie die bestehenden Aktien nicht durch eine Kapitalerhöhung schwächen wollten. Und sie haben nicht strategisch genug über Chat und IM nachgedacht, daher haben sie nie irgendwelche Software-Features entwickelt, die eine ähnliche versteckte Kundenbindung erreichen könnten wie dies AOL tat. Nun hat Juno rund drei Millionen Kunden, die ihnen durchschnittlich 5,50 $ im Monat bezahlen, während AOL ungefähr 21 Millionen Kunden hat, die ihnen durchschnittlich 17 $ im Monat zahlen. "Oops."

Ben und Jerry's Amazon
Wenig Startkapital wird benötigt, dadurch schnelle Rentabilität Unsummen von Kapital werden benötigt, bis zur Profitabilität kann es Jahre dauern.

Firmen nach dem Ben und Jerry's Muster werden üblicherweise von jemandem mit einer Kreditkarte vorfinanziert. In den ersten Monaten und Jahren müssen sie ein Geschäftsmodell verfolgen, das extrem schnell profitabel wird, auch wenn das noch nicht das endgültige Geschäftsmodell sein mag, auf das das Unternehmen abzielt. Obwohl Sie vielleicht den Wunsch haben, eine riesige Eiscreme-Firma mit einem jährlichen Umsatz von 200 Millionen Dollar aufzubauen, müssen Sie sich dennoch zunächst einmal darauf beschränken, eine kleine Eisdiele in Vermont zu eröffnen und zu hoffen, dass sie sich rentiert. Falls ja müssen Sie die Gewinne reinvestieren, um mit Ihrem Unternehmen stetig expandieren zu können. Aus der Firmengeschichte von Ben und Jerry's geht hervor, dass sie mit einer Anfangsinvestition von 12.000 $ gestartet sind. ArsDigita geben an, dass sie mit einem Kapital von 11.000 $ gestartet sind. Diese Zahlen klingen wie das übliche Limit von einer MasterCard. Hmmm.

Amazon-Unternehmen erschließen neue Geldquellen so schnell wie kaum jemand das Geld ausgeben kann. Hierfür gibt es einen Grund. Sie haben es unglaublich eilig. Sie sind in einem Geschäft ohne Mitbewerber und Netzwerk-Effekte, also müssen sie sehr schnell groß werden. Dabei zählt jeder Tag. Und es gibt viele Möglichkeiten Zeit durch Geld zu ersetzen (siehe Kasten) und fast alle davon machen Spaß.

Möglichkeiten Zeit durch Geld zu ersetzen:
  • Verwenden Sie bereits gebaute und ausgestattete Geschäftsräume, anstatt der traditionellen Büroräume. Sie kosten etwa das dreifache, ersparen Ihnen aber von einigen Monaten bis zu einem Jahr Zeit - je nach Marktlage.
  • Zahlen Sie überhöhte Gehälter oder bieten Sie Ihren Programmierern BMWs als Startbonus an. Die Kosten belaufen sich auf etwa 25% mehr für die technischen Angestellten. Aber dafür können Sie vakante Stellen innerhalb von drei Wochen besetzen anstatt der sonst üblichen sechs Monate.
  • Beschäftigen Sie externe Berater anstatt Mitarbeiter fest anzustellen. Sie kosten in etwa das Dreifache. Der Vorteil in der Zeitersparnis liegt darin, dass Sie sofort loslegen können.
  • Wenn Sie Probleme haben, die Zeit und Aufmerksamkeit Ihrer Berater zu gewinnen, dann bestechen Sie sie mit Geld und zwar so lange, bis sie nur noch für Sie arbeiten wollen.
  • Haben Sie keine Hemmungen Geld auszugeben, wenn es Ihnen dabei hilft ein Problem sofort zu lösen. Wenn Ihr neuer Star-Programmierer seine Arbeit nicht erledigt bekommt, weil er mehr damit beschäftigt ist, sein neues Haus einzurichten und umzuziehen, dann heuern Sie eine erstklassige Spedition an, die dies für ihn erledigt. Wenn es Ewigkeiten dauert, die Telefone in Ihren neuen Geschäftsräumen installiert zu bekommen, dann kaufen Sie einfach ein paar Dutzend Mobiltelefone. Wenn Probleme mit dem Internet-Zugang die Leute bei der Arbeit behindern, dann legen Sie eben eine redundante Leitung von zwei Providern. Und stellen Sie Ihren Leuten einen Bediensteten zur Verfügung, der sich um die Reinigung der Kleidung, Reservierungen, Limousinen zum Flughafen und ähnliches kümmert.

Ben und Jerry's Firmen können sich all das überhaupt nicht leisten, daher müssen sie sich für das langsame Wachstum entscheiden.

Ben und Jerry's Amazon
Unternehmenskultur ist wichtig Unternehmenskultur ist gar nicht möglich

Wenn Sie schneller als 100% pro Jahr wachsen, ist es für Mentoren schlechterdings unmöglich den neu hinzugekommenen Mitarbeitern die Leitlinien Ihres Unternehmens zu vermitteln. Wenn ein Programmierer zum Manager befördert wird und von einem auf den anderen Tag plötzlich fünf neue Bereiche hat, dann wird es für ihn nicht viel Zeit zur Einarbeitung geben. Netscape ist mit einem Wachstum von 5 auf rund 2000 Programmierer in einem Jahr hierfür das beste Beispiel. Das Resultat war eine Unternehmenskultur die aus einer Mischung der unterschiedlichsten Einstellungen verschiedener Menschen in der Firma entstand, die alle in verschiedene Richtungen wollten.

Für manche Unternehmen mag das OK sein, aber für andere ist die Unternehmenskultur ein wichtiger Teil ihrer Daseinsberechtigung. Ben und Jerry's existiert nur wegen der Leitlinien ihrer Gründer, die es niemals akzeptieren würden schneller zu wachsen als die Verbreitung der Unternehmenskultur es erlaubt. 

Lassen Sie uns eine hypothetische Software als Beispiel nehmen. Nehmen wir einmal an, Sie möchten in den Markt der Textverarbeitungsprogramme vordringen. Nun scheint dieser Markt durch Microsoft bereits ziemlich abgegrast zu sein. Aber Sie erkennen eine Marktnische in denjenigen Anwendern, die es aus welchen Gründen auch immer absolut nicht akzeptieren können, dass ihnen ihr Textverarbeitungssystem abstürzt. Also nehmen Sie sich vor, ein super-robustes Textverarbeitungssystem nach Industriestandards zu entwickeln, das einfach niemals abstürzt. Sie haben vor, dieses System hauptsächlich an jene Leute zu verkaufen, deren Leben quasi von dem Textverarbeitungsprogramm abhängt. (OK, es ist weit hergeholt, aber ich sagte ja schon, dass es sich um ein hypothetisches Beispiel handelt).

Nun beinhaltet Ihre Unternehmenskultur womöglich die unterschiedlichsten Techniken, um qualitativ hochwertigen und stabilen Code zu entwickeln: Unit Testing, formale Überprüfung des Codes, coding conventions, große Abteilungen für Qualitätssicherung und vieles mehr. Diese Techniken sind nicht einfach; sie zu lernen braucht seine Zeit und während ein neuer Programmierer lernt, wie man stabilen Code schreibt, muss er von jemandem der mehr Erfahrung hat eingearbeitet und betreut werden.

Sobald Sie nun versuchen so schnell zu wachsen, dass diese Einarbeitung und Betreuung unmöglich wird, bedeutet das einfach, dass Sie mit der Vermittlung dieser Werte aufhören. Neu angeworbene Mitarbeiter werden weniger zuverlässigen Code schreiben, weil sie es einfach nicht besser wissen. Sie werden den Rückgabewert von malloc() nicht überprüfen und in irgendeiner abstrusen Konstellation, die niemand für möglich gehalten hätte, wird ihr Code versagen. Aber niemand wird die Zeit haben, ihren Code zu überprüfen und ihnen beizubringen, wie man es richtig macht, und der gesamte Wettbewerbsvorteil, den Sie gegenüber Microsoft Word hatten wurde verschenkt.

Ben und Jerry's Amazon
Aus Fehlern werden wertvolle Lektionen Fehler werden nicht wirklich wahrgenommen

Eine Firma die zu schnell wächst wird einfach nicht mitbekommen, wenn sie einen großen Fehler macht. Das gilt ganz besonders für die Fehler von der Art "zu-viel-Geld-ausgegeben". Amazon kauft Junglee, einen Shopping-Service der auch Preisvergleiche anbietet für rund 180 Millionen Dollar in Aktien, und stellt dann plötzlich fest, dass Preisvergleiche gar nicht so gut für ihr Kerngeschäft sind, also machen sie den Dienst einfach dicht. Wenn man im Geld schwimmt, ist es relativ einfach, die dümmsten Fehler zu kaschieren.

Ben und Jerry's Amazon
Es dauert eine lange Zeit, um groß zu werden Man wird sehr schnell groß

Schnell groß zu werden vermittelt den Eindruck (oder gar die Realität) erfolgreich zu sein. Wenn potenzielle Angestellte feststellen, dass Sie jede Woche 30 neue Leute anheuern, dann denken sie, dass sie Teil eines großen, aufregenden und erfolgreichen Unternehmens sind, das bald an die Börse gehen wird. Von einer netten kleinen Firma mit 12 Angestellten und einem Hund wären sie sicherlich nicht so beeindruckt, selbst wenn die kleine Firma profitabel und damit auf lange Sicht das bessere Unternehmen ist.

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Eine nette kleine Firma in Albuquerque

Als Faustregel kann man sagen, Sie können entweder einen netten Arbeitsplatz schaffen, oder Sie können den Leuten versprechen, dass sie schnell reich werden. Aber Sie müssen sich für eine der beiden Möglichkeiten entscheiden, sonst werden Sie nie erfolgreich Leute anwerben.

Einige Ihrer Angestellten werden beeindruckt sein von einer Firma, die eine gute Chance hat, bald an die Börse zu gehen und ihnen dann jede Menge Aktienoptionen geben kann. Solche Leute werden drei bis vier Jahre in eine solche Firma investieren, selbst wenn sie jede Minute ihres Arbeitstages verfluchen, denn sie sehen den Schatz am Ende des Regenbogens.

Wenn Sie langsam organisch wachsen, ist der Schatz vielleicht weiter weg. In diesem Fall bleibt Ihnen keine andere Wahl, als eine Arbeitsumgebung zu schaffen, die für die lange Reise entschädigt. Das kann nicht eine hektische 80-Stunden-Woche sein. Das Büro darf kein lautes Loft voller Klapptische und harter Holzstühle sein. Sie müssen den Leuten ordentlich Urlaub geben. Die Leute müssen für ihre Kollegen Freunde sein und nicht nur Kollegen. Soziologie und Gesellschaft am Arbeitsplatz ist wichtig. Die Manager müssen freundlich sein und den Leuten den Rücken freihalten, sie dürfen nicht wie die Micro-Manager à la Dilbert sein. Wenn Sie all dies tun, werden Sie viele Leute anziehen, die auf der Suche nach etwas dauerhaftem sind, nachdem sie zuvor allzu oft mit dem Traum beim bevorstehenden Börsengang Millionär zu werden betrogen wurden.

Ben und Jerry's Amazon
Sie werden vielleicht erfolgreich. Sie werden aber mit Sicherheit nicht allzu viel Geld verlieren. Sie haben eine winzige Chance, ein Milliardär zu werden, aber eine große Chance es nicht zu schaffen

Mit dem Ben und Jerry's Modell können Sie erfolgreich sein, auch wenn Sie nur durchschnittlich schlau sind. Sie müssen vielleicht ein wenig kämpfen und es wird gute und schlechte Jahre geben, aber wenn die Wirtschaft nicht gerade in eine riesige Depression stürzt, werden Sie sicherlich nicht allzu viel Geld verlieren, denn Sie haben ja am Anfang auch nicht allzu viel investiert.

Das Problem mit dem Amazon-Modell ist, dass jeder immer nur Amazon vor Augen hat. Aber es gibt nur ein Amazon und Sie sollten lieber an die anderen 95% Firmen denken, die eine unglaubliche Summe Risikokapital investiert haben und dann einfach gescheitert sind, weil niemand ihr Produkt kaufen wollte. Wenn man dem Ben und Jerry's Modell folgt, weiss man schon lange, bevor man mehr als das Kreditlimit einer Master Card investiert hat, dass niemand das Produkt mag.

Das Schlimmste was Sie tun können

Das Schlimmste was Sie tun können ist: keine Entscheidung darüber zu treffen, ob Sie eine Ben und Jerry's- oder eine Amazon-Firma aufbauen möchten.

Wenn Sie in einen Markt eintreten, in dem es noch keinen Wettbewerb, aber Kundenbindung und Netzwerkeffekte gibt, dann sollten Sie lieber das Amazon Modell verfolgen, oder Sie werden das gleiche Schicksal wie Wordsworth.com erleiden, die zwei Jahre vor Amazon gestartet sind, von denen aber noch nie jemand etwas gehört hat. Oder noch schlimmer, Sie enden als Geister-Seite wie MSN Auctions, die so gut wie keine Chance haben, jemals größer als eBay zu werden. (Lesen Sie auch die Antwort von Wordsworth)

Wenn Sie in einen bereits etablierten Markt vordringen, bietet Ihnen die Methode mit dem schnellen Wachstum eine fabelhafte Möglichkeit, Tonnen von Geld zu verschwenden, so wie BarnesandNoble.com es taten. Aber die beste Prognose haben Sie, wenn Sie etwas dauerhaftes und profitables aufbauen, so dass Sie jahrelang Zeit haben, Ihre Mitbewerber langsam überholen.

Sie können sich immer noch nicht entscheiden? Es gibt noch andere Aspekte, die Sie mit einbeziehen können. Denken Sie an Ihre persönlichen Wertvorstellungen. Würden Sie lieber eine Firma wie Amazon oder eine Firma wie Ben und Jerry's betreiben? Lesen Sie einige Firmengeschichten - Amazon und Ben und Jerry's für Einsteiger. Auch wenn es sich dabei natürlich um unverhohlene Selbstbeweihräucherung handelt, können Sie zumindest gut feststellen, welche am ehesten Ihr persönliches Wertesystem reflektiert. Eigentlich ist Microsoft ein noch besseres Modell für eine Ben und Jerry's Firma und es gibt zahlreiche Schilderungen der Firmengeschichte von Microsoft. Natürlich hatte Microsoft in einem gewissen Sinne "Glück" den PC-DOS Deal abschließen zu können, aber die Firma war profitabel und wuchs die ganze Zeit, so dass sie sich einfach treiben lassen konnte und unendlich lange auf ihren großen Durchbruch warten konnte.

Denken Sie an Ihr persönliches Chance/Risiko Profil. Möchten Sie alles darauf setzen mit 35 Milliardär zu sein, auch wenn im Vergleich dazu die Gewinnchancen einer Lotterie viel sicherer erscheinen? Ben und Jerry's Firmen werden Ihnen diese Option nicht bieten können.

Das wahrscheinlich Schlimmste, was Sie tun können ist: zu entscheiden, dass Sie eine Amazon-Firma sein möchten, sich dann aber wie eine Ben und Jerry's Firma verhalten (wobei Sie das natürlich die ganze Zeit verleugnen). Amazon Firmen sind auf jeden Fall gezwungen mit Geld Zeit zu erkaufen, wo immer es geht. Sie glauben vielleicht besonders klug und sparsam zu sein, wenn Sie darauf bestehen, Programmierer zu finden, die zu den üblichen Marktpreisen arbeiten. Aber das ist nicht sonderlich klug, denn es kostet Sie sechs Monate anstatt zwei Monate und diese vier Monate könnten für Sie bedeuten, dass Sie ein Weihnachtsgeschäft verpassen, also kostet es Sie letztlich ein ganzes Jahr und womöglich haben Sie sich dadurch Ihren ganzen Geschäftsplan verbaut.

Sie denken vielleicht, dass es klug ist, eine Mac-Version Ihrer Software zusätzlich zu der Windows-Version zu entwickeln, aber es kostet Sie die doppelte Zeit das Produkt auf den Markt zu bringen, denn die Entwickler müssen erst ein Kompatibilitäts-Layer entwickeln und es bringt Ihnen nur 15% mehr Kunden - nun unter dieser Bedingung wird es wohl doch nicht so klug sein, nicht wahr?

Beide Modelle funktionieren, aber Sie müssen sich für eines entscheiden und dabei bleiben, oder Sie werden feststellen, dass sonderbarerweise alles schief geht und Sie nicht einmal so recht wissen warum.


Weiterführende Texte: The Motley Fool Rezension dieses Artikels


Titel der Originalausgabe: Strategy Letter I: Ben and Jerry's vs. Amazon  

Joel Spolsky ist der Gründer von Fog Creek Software, einer kleinen Software Firma in New York City. Nachdem er auf der Yale University graduierte arbeitete er als Programmierer und Manager bei Microsoft, Viacom und Juno.


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