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Big Macs vs. The Naked Chef


Von Joel Spolsky
Aus dem Englischen von Michael Broesdorf
Redigiert von Elisabeth Fraller
18. Januar 2001

Frage: Woher kommt es, dass einige der größten IT-Beratungsfirmen der Welt die schlechteste Arbeit leisten?

Woher kommt es, dass die coolen Startup-Unternehmen anfangs spektakuläre Erfolge verzeichnen, gigantisch wachsen und dann sehr schnell in Durchschnittlichkeit zurückfallen?

Darüber  habe ich nachgedacht und auch darüber, wie Fog Creek Software (meine eigene Firma) wachsen soll. Und die besten Lehrbeispiele, die ich finden konnte, kommen von McDonald's. Ja, ich meine diese furchtbare Hamburger-Kette.

Das Geheimnis der Big Macs ist, dass sie nicht besonders gut schmecken. Aber jeder Burger schmeckt auf die gleiche Weise nicht besonders gut. Wenn Sie mit dem Nicht-Besonders-Guten zufrieden sind, dann liegen Sie richtig mit einem Big Mac, ohne auch nur das geringste Risiko einer kleinen Überraschung zu erleben.

Das andere Geheimnis des Big Mac liegt darin, dass man mit einem IQ irgendwo zwischen "Trottel" und "Depp" (um Fachausdrücke zu benutzen) in der Lage ist, einen Big Mac herzustellen, der ganz genauso unspektakulär ist wie alle anderen Big Macs dieser Welt. Das wirkliche Geheimnis von McDonald's sind die gewaltigen Betriebshandbücher. Sie beschreiben in beeindruckenden Details den genauen Ablauf, dem jeder Franchise-Nehmer folgen muss, um einen Big Mac herzustellen. Wenn ein Big Mac in Hamburg 37 Sekunden lang frittiert wird, dann wird er auch in Singapur 37 Sekunden frittiert - nicht 36 und nicht 38. Um einen Big Mac herzustellen, folgt man einfach den verdammten Regeln.

Die Regeln wurden von ziemlich intelligenten Leuten sorgfältig ausgearbeitet (an  Mc Donald's Hamburger Universität), so dass sie sowohl von Dummies als auch von schlauen Mitarbeitern eingehalten werden können. Diese Regeln beinhalten alle Arten von Ausfallssicherungen, wie z.B. den Signalton, der ertönt, wenn die Pommes zu lange im Öl gelassen werden. Diese Sicherheitsregeln wurden erstellt, um all den kleinen menschlichen Schwächen vorzubeugen.

Überall gibt es Stoppuhren und Timer. Und es gibt ein System, um sicherzustellen, dass das Reinigungspersonal jede halbe Stunde die Sauberkeit der Toiletten überprüft (kleiner Hinweis: die Toiletten sind nicht sauber).

Das System setzt ganz einfach voraus, dass jeder Mensch eine Menge Fehler macht. Aber die hergestellten Burger sind zumindest, nun ja, konsistent. Und man wird immer gefragt, ob man Pommes dazu haben möchte.

Stellen wir zum Spaß mal einen Vergleich an zwischen einem McDonald's-Koch, der eine Reihe von Regeln genau befolgt, aber überhaupt nichts von gutem Essen versteht, und einem Genie wie The Naked Chef, dem süßen Briten Jamie Oliver. (Falls Sie jetzt diese Seite verlassen wollen und den Link dazu benutzen, um MTV-artige Videos mit dem Naked Chef, der gerade Basilikum Aioli zubereitet, anzuschauen, haben Sie meinen Segen dazu!). Wie auch immer, einen Mc Donald's-Koch mit einem Gourmet-Koch zu vergleichen, ist völlig absurd. Aber bitte ignorieren Sie diese Tatsache für einen Moment, denn hier gibt es etwas zu lernen.

Nun, der Naked Chef befolgt kein ödes Handbuch. Er wiegt nicht alles genau ab. Während er kocht, sieht man ein wildes Durcheinander von Zutaten: "Hier noch etwas mehr Rosmarin, das schadet nicht und dann das Ganze gut verrühren", so Jamie Oliver. "Gut durchmischen. Perfekt. Jetzt einfach überall drüberstreuen." (Und es sieht tatsächlich so aus, als würde er die Gewürze überall drüberstreuen. Wenn ich das mache, gelingt es nie!.) Es dauert ungefähr 14 Sekunden, und er hat eine richtige Gourmet-Mahlzeit aus gebratenem Seebarsch mit einer Füllung aus Kräutern auf Pilzkartoffeln gebacken und mit Salsa Verde verfeinert. Lecker.

Also, es ist ziemlich offensichtlich, dass die Menüs vom Naked Chef besser schmecken als die von McDonald's. Auch wenn es vielleicht dumm klingt, sollten wir uns die Zeit nehmen und fragen, woher das kommt. Eigentlich gar keine so dumme Frage! Warum kann ein Riesen-Unternehmen mit Ressourcen im Überfluss, Zugang zu den besten Lebensmitteldesignern, die man für Geld kaufen kann und einem unendlichen Cash Flow keine gute Mahlzeit zubereiten?

Stellen Sie sich vor, dass der Naked Chef irgendwann einmal die Nase voll hat von TV-Shows und ein Restaurant eröffnet. Selbstverständlich - denn er ist ein brillanter Koch - wäre das Essen unglaublich lecker. Also würde das Restaurant jede Menge Kunden haben und ziemlich profitabel sein.

Wenn man ein ziemlich profitables Restaurant besitzt, wird man schnell erkennen, dass der Gewinn eine natürliche Grenze erreicht, selbst wenn das Restaurant jeden Abend ausgebucht ist und eine Vorpeise €19 und eine Cola €3.95 kostet. Ein Koch kann eben nur eine bestimmte Menge an Mahlzeiten zubereiten. Also stellen Sie einen weiteren Koch ein, und vielleicht eröffnen Sie weitere Restaurants, vielleicht auch in anderen Städten.

Jetzt wird ein Problem auftreten: im technischen Bereich nennen wir es das Skalierbarkeitsproblem. Wenn man versucht, ein Restaurant zu kopieren, muss man sich entscheiden: entweder man stellt einen anderen guten Koch vom selben Kaliber ein (welcher natürlich erwartet, dass er den Großteil des zusätzlichen Gewinnes, den er erwirtschaftet, behalten darf - also wozu dann das Ganze?). Oder man stellt einen billigeren, jüngeren Koch ein, der nicht ganz so gut ist. Ihre Gäste werden das aber ziemlich schnell merken und das neue Restaurant nicht mehr besuchen.

Üblicherweise wird mit dem Skalierbarkeitsproblem folgendermaßen umgegangen: man stellt einen billigen Koch ein, der von Nichts eine Ahnung hat. Dem gibt man für die Zubereitung eines Menüs ganz genaue Regeln vor, sodass er es einfach nicht falsch machen kann. Befolge einfach diese Regeln, und du wirst großartige Feinschmecker-Mahlzeiten zubereiten.

Aber das Problem ist, dass es so nicht wirklich funktioniert! Ein guter Koch tut eine Menge Dinge, die etwas mit Improvisation zu tun haben. Ein guter Koch sieht diese wunderbaren Mangos auf dem Bauernmarkt und improvisiert eine Mango-Koriander-Sauce für das Fischgericht des Tages. Ein guter Koch kann die fehlenden Kartoffeln durch Taro-Chips ersetzen. Wenn alles perfekt funktioniert, kann ein Roboterkoch jedes beliebige Gericht zubereiten, indem er einfach nur die Regeln befolgt. Aber ohne echtes Talent und Können wird er nicht in der Lage sein, zu improvisieren. Deshalb wird man auch niemals Brennesselcarpaccio bei McDonald's bekommen.

McDonald's benötigt eine ganz bestimmte Kartoffelsorte, die überall auf der Welt angebaut wird. Diese wird vorgeschnitten und in großen Mengen eingefroren, um Engpässen vorzubeugen. Dieses Vorschneiden und Einfrieren bedeutet, dass die Pommes nicht so gut sind, wie sie sein könnten. Aber sie sind ganz sicher konsistent und brauchen keine Chefkoch-Qualitäten. Tatsächlich unternimmt McDonald's alles Menschenerdenklliche, damit die Produkte in einer gleichbleibenden Qualität hergestellt werden können. Und zwar von jedem beliebigen Deppen in der Küche, selbst wenn die Qualität "ein bisschen" schlechter ist.

Zusammenfassung soweit:

  1. Für einige Dinge braucht man Talent, um sie wirklich gut zu machen.
  2. Es ist schwer, ein Rezept für Talent zu erstellen.
  3. Ein Versuch, ein Rezept für Talent zu erstellen, besteht darin, von Talentierten Regeln für Untalentierte aufstellen zu lassen.
  4. Die Qualität des hergestellten Produktes ist sehr niedrig..

Genau dasselbe Ergebnis kann man im Bereich der IT-Beratung sehen. Wie oft haben Sie diese Geschichte schon gehört?

 

Michael war unglücklich. Er hatte eine großes IT-Beratungsunternehmen eingestellt, um "das System" zu erstellen. Die angeheuerten Berater waren unfähig und sprachen ständig nur von "der Methode" und gaben Millionen von Euros aus. Letztendlich haben sie es nicht geschafft, auch nur ein einziges Resultat zu erbringen.

Zum Glück fand Michael einen jungen Programmierer, der wirklich intelligent und talentiert war. Er programmierte das gesamte System an einem Tag für €20 und eine Pizza. Mike war überglücklich. Er empfahl den jungen Programmierer allen seinen Freunden.

Der junge Programmierer fängt an, Geld einzustreichen. Bald hat er mehr Arbeit, als er bewältigen kann. Also stellt er einen Haufen Leute ein, die ihm helfen. Die guten Leute wollen zu viele Aktienoptionen, also beschließt er, noch jüngere Programmierer frisch von der Uni einzustellen und sie mit einem sechswöchigen Kurs "auszubilden".

Das Problem besteht darin, dass die "Ausbildung" nicht wirklich zu schlagkräftigen Ergebnissen führt, also beginnt der junge Programmierer, Regeln und Prozeduren zu definieren, die zu schlagkräftigen Ergebnissen führen sollen. Über die Jahre wird das Regelhandbuch immer umfangreicher. Bald entsteht daraus ein sechsbändiges Werk mit dem Titel "Die Methode".

Nach einigen Jahrzehnten ist der junge Programmierer ein großer inkompetenter IT-Berater mit einer "Methode" und einem Haufen von Leuten, die blind dieser Methode folgen - selbst  wenn sie nicht zu funktionieren scheint. Sie haben einfach keine Ahnung, was sie sonst anstellen sollen und sie sind nicht wirklich talentierte Programmierer - sie sind einfach gutmütige Studenten der Politikwissenschft, die den sechswöchigen Kurs besucht haben.

Und die neue große IT-Beratungsfirma geht den Bach hinunter. Die Kunden sind unzufrieden. Und ein anderer junger talentierter Programmierer kommt daher und nimmt ihnen die Geschäfte ab - der Kreislauf beginnt von Neuem.

Ich brauche hier keine Namen zu nennen, dieser Kreislauf ist schon etliche Male aufgetreten. Alle IT-Dienstleistungsunternehmen werden gierig und versuchen, schneller zu wachsen, als sie talentierte Leute finden können. Sie erfinden immer wieder neue Regeln und Prozeduren, die zu konsistenten, wenn auch nicht brillanten Ergebnissen führen soll.

Aber die Regeln und Prozeduren funktionieren nur, wenn nichts schief geht. Mehrere "datenbankgestützte Website"-Beratungsunternehmen sind in den vergangenen Jahren gewachsen und haben ihre Stellen nachbesetzt, indem sie Anfängern das A und O für das Erstellen von "datenbankgestützten Websites" beizubringen. ("Hier ist ein select -Statement mein Junge, bau' daraus eine Website"). Aber nun implodieren diese Dotcoms und plötzlich gibt es einen Bedarf an hochwertiger GUI-Programmierung, C++-Kenntnissen und echter Informatik. Die Lernkurve der Kids, die nur select -Statements auf Lager haben, ist sehr steil und sie können nicht mehr mithalten. Aber sie versuchen es tapfer weiter, folgen den Regeln in Kapitel 17 über die Normalisierung von Datenbanken, die seltsamerweise nichts mehr mit der "neuen Welt" zu tun haben. Die genialen Gründer dieser Firmen könnten sich sicherlich an diese neue Welt anpassen: sie sind talentierte Wissenschaftler, die alles lernen können. Aber die Firma, die sie aufgebaut haben, kann sich nicht anpasssen, weil sie ein Regelwerk für Kreativität aufgestellt hat, und Regelwerke passen sich neuen Zeiten nun mal nicht an.

Was ist nun die Moral von der Geschichte? Vorsicht vor "Methoden"! Sie eignen sich ausgezeichnet dazu, um auf einen trostlosen, gerade noch akzeptablen Leistungspegel zu fallen. Aber zugleich wirken sie lähmend auf die wirklich talentierten Leute, die sich an den ihnen auferlegten Einschränkungen abreiben. Es scheint mir ziemlich offensichtlich, das ein talentierter Koch nicht glücklich wäre, Burger bei McDonald's zuzubereiten, eben weil es Regeln bei McDonald's gibt. Warum also geben IT-Berater immer so mit ihren "Methoden" an? Das begreife ich einfach nicht!

Was bedeutet das für Fog Creek? Nun ja, unser Ziel war es nie, ein riesiges Consulting-Unternehmen zu werden. Wir betreiben Consulting als ein Mittel zum Zweck - langfristiges Ziel ist es, ein Softwareunternehmen zu sein, das immer Gewinn abwirft. Das erreichen wir, indem wir Consulting durchführen und damit unsere Softwareeinnahmen aufbessern. Wir werden solange Consulting durchführen, bis die Einnahmen aus unserer Software die Ausgaben ausgleichen. Dann werden wir zwar auch weiterhin Consulting betreiben, aber wir können uns dann unsere Aufträge aussuchen und uns auf jene konzentrieren, die unserer Software dienlich sind. Software, Sie wissen das sicher, rechnet sich unheimlich gut. Wenn ein neuer Kunde FogBUGZ kauft, verdienen wir Geld, ohne Geld auszugeben.

Aber noch wichtiger ist unsere Besessenheit, nur die Besten einzustellen... Wir sind völlig zufrieden damit, klein zu bleiben, wenn wir nicht genug Leute finden können (obwohl es bei sechs Wochen Urlaub im Jahr eigentlich kein Problem sein sollte, Leute zu finden). Und wir lehnen Wachstum solange ab, bis unsere MitarbeiterInnen genug gelernt haben, um neue MitarbeiterInnen einzuschulen.



Titel der Originalausgabe: Big Macs vs. The Naked Chef  

Joel Spolsky ist der Gründer von Fog Creek Software, einer kleinen Software Firma in New York City. Nachdem er auf der Yale University graduierte arbeitete er als Programmierer und Manager bei Microsoft, Viacom und Juno.


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